Einblicke in die 140-jährige Vereinsgeschichte der Bienenzüchter

Von Alfred Jenter

Einblicke in die 140-jährige Vereinsgeschichte der Bienenzüchter
DOWNLOAD: Einblicke in die 140-jährige Vereinsgeschichte der Bienenzüchter

„Ohne Bienen wäre die Welt farblos und trist. Die Blütenbestäuber sorgen für schöne Blütenmeere und produzieren nebenbei wertvollen und köstlichen Honig. Honigbienen erbringen durch ihre Bestäubungsleistung einen unschätzbaren Beitrag für die Artenvielfalt und den Naturhaushalt. In der Landwirtschaft helfen sie Ernten zu sichern und Erträge zu steigern. Da liegt es nahe, von Menschenhand die Existenz der Honigbienen zu sichern, zu fördern und ihren Lebensraum zu optimieren“. So schreibt der Imkerverein Balingen – Geislingen - Rosenfeld auf seiner Homepage zum Bienenlehrpfad im Naherholungsgebiet „Schlackenhalde“ bei Weilstetten im Zollernalbkreis.


Vor 140 Jahren wurde für das Oberamt Balingen ein Bienenzüchterverein gegründet. Die Aufschriebe in Sütterlinschrift, über die Gründung des Vereins sind fast vergilbt. Es war Sonntag, der 02. April 1876, im Gasthaus Lamm in Lautlingen, wo der Verein als Sektion vom Landwirtschaftlichen Bezirksverein aus der Taufe gehoben wurde. Lehrer Paul Stehle von Lautlingen leitete die Gründungsversammlung, formulierte die ersten Statuten und wurde anschließend zum Vorstand gewählt. Ausschussmitglieder wurden Carl Groz, Kaufmann, Ebingen; Schultheiß Wilhelm Hauser, Frommern; Bienen- und Obstbaumzüchter J.J. Herre, Zillhausen; Schullehrer Mattes, Bitz und Oberlehrer Hauser, Ebingen.


Die Vereinsprotokolle zeigen wie unter politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen unseres Landes auch die Entwicklung der Bienenhaltung in 140 Jahren beeinflusst wurde. Zwei Weltkriege, Inflationen, Arbeitslosigkeit und Währungsumstellungen mussten überwunden werden. Die Bienenhaltung ist vom Wetter abhängig und gehört zur Landwirtschaft. Nicht jedes Jahr ist ein gutes Honigjahr. Trotz fortwährender Bedrohung haben sich die Honigbienen seit mindestens 25 Millionen Jahren erhalten. Die Honigbiene ist neben Rind und Schwein eines der drei wichtigsten landwirtschaftlichen Nutztiere.


Das Vereinsgebiet umfasst das gesamte Oberamt Balingen

Die Gründung des Bienenzüchtervereins für das Oberamt Balingen erfolgte zu einer Zeit, wo die Umstellung von der Imkerei mit Strohkörben auf Holzkästen voll im Gange war. Die Bienen bauen aus körpereigenem Wachs ihr Nest mit sechseckigen Zellen, die für den Nachwuchs als Wiege und als Vorratsspeicher für Blütenpollen, Nektar- und Honigeintrag dienen. In den geflochtenen Strohkörben hatten die Bienen ihre Waben an der Decke und den Seitenwänden angebaut, das wird Stabilbau genannt. Bei der Honigernte mussten im Stabilbau die Wabenteile, die Honig enthielten, herausgeschnitten oder herausgebrochen werden.


Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte Pfarrer Dr. Johannes Dzierzon in Oberschlesien mit Stäbchen und Leitwachsstreifen den „Mobilbau“, das sind an Stäbchen gebaute Waben. Für das Bienenhaus baute er stapelbare Beuten mit Hinterbehandlung; Kästen aus Holz, die von hinten zugänglich sind. Baron August von Berlepsch machte 1853 aus den Stäbchen für die Ausrichtung des Wabenbaues im Bienenstock die Rähmchen. Beide Entwicklungen ermöglichen das Umhängen des Wabenbaues innerhalb der Bienenwohnung. Die Holzkästen lösten die Strohkörbe als Bienenwohnung ab. Pfarrer Dr. Dzierzon und Baron von Berlepsch waren bedeutende Pioniere für die Bienenhaltung, haben mehrere Lehrbücher geschrieben und auf Wanderversammlungen viele Vorträge gehalten. Doch nur langsam sind die Bienenhalter der Umstellung vom Stabilbau zum Mobilbau gefolgt.


Bei der Vereinsgründung war das Oberamt 322 km² groß, hatte 31 Gemeinden mit knapp 35.000 Einwohnern. Der tiefste Punkt des Oberamts lag mit 459 m über N.N. bei der Mühle in Engstlatt und der höchste mit 987 m über N.N. auf dem Weichenwang bei Meßstetten. Ein Höhenunterschied von 528 m, der im oberen und unteren Bezirk des Vereinsgebietes klimabedingt oft zu unterschiedlichen Honigerträgen führt. Von Balingen wurde damals berichtet, dass die Bienenzucht wegen der Frühlingsfröste nicht mit Glück betrieben wird (1). Zur Gründungszeit wurden im Oberamt Balingen 1.710 Bienenvölker gezählt (2). Es waren also bereits Bienenzüchter da. Diese zusammenzuführen, damit durch Weiterbildung und den gemeinsamen Erfahrungsaustausch die Bienenzucht im Oberamt verbessert und gehoben wird, war das Ziel der Männer der ersten Stunde.


Von Anfang an war der Bienenzüchterverein aktiv und suchte Verbindungen über die Oberamtsgrenzen hinaus. Als Vereinsblatt wurde in den Anfangsjahren der „Spaichinger Bienenbote“ gelesen. Bald schloss man sich dem 1880 gegründeten Württembergischen Landesverein für Bienenzucht an (Protokolle 1880 – 1890 fehlen). Die Tagungen und Ausstellungen des Landesvereins wurden regelmäßig von Delegierten besucht, die über die dortigen Erkenntnisse in den Mitgliederversammlungen berichteten. Nach 25 Jahren wurde 1901 unter Schultheiß Ludwig Jetter, Frommern, eine neue umfangreichere Satzung beschlossen. Die Mitglieder des Bienenzüchtervereins waren wie bisher Mitglied beim Landwirtschaftlichen Bezirksverein im Oberamt Balingen.


Lehrer informierten und motivierten die Imker

Etliche Jahrzehnte waren es Lehrer, die bei den Versammlungen im Frühjahr und Herbst die Mitglieder mit verschiedenen Themen zur Bienenhaltung informierten und motivierten. Da in den Gemeinden immer nur wenige Imker das Handwerk der Bienenhaltung betrieben, war die Zusammenfassung auf Bezirksebene sinnvoll. Man war aber auch noch nicht so mobil wie heute. Deshalb wurden in den ersten Jahrzehnten die Versammlungsorte so gewählt, dass sie möglichst mit der Eisenbahn erreicht werden konnten.


Das Lamm in Lautlingen war die ersten 15 Jahre ein beliebter Versammlungsort. Das Gebäude steht heute noch in der Ortsmitte von Lautlingen; wird aber seit einigen Jahrzehnten nicht mehr als Gaststätte genutzt. Zum Besuch der Versammlungen waren neben den Vortragsrednern die fast regelmäßig stattfindenden „Gratisverlosungen“ ein starker Anreiz. Auch wurden Honiglotterien veranstaltet, die Geld in die leere Vereinskasse brachten. Nach Erhebungen des Stat. Landesamtes wurden 1893 im Oberamt Balingen 1.835 Bienenvölker gezählt. Davon waren 1.083 oder knapp 60% auf beweglichen Waben. 1912 sah das anders aus. Es gab 2.245 Völker auf beweglichem und nur noch 279 (11%) auf unbeweglichem Bau (3).


Der erste Weltkrieg brachte einen großen Rückschlag.

Viele Imker mussten an die Front. Die Zahl der Mitglieder und der Bienenvölker ging deutlich zurück. Während des Krieges haben bis 1917 keine Versammlungen stattgefunden. Von den Soldaten kehrten viele nicht mehr in die Heimat zurück. 1919 haben sich die Bienenzüchter vom landwirtschaftlichen Bezirksverein getrennt und sich selbständig gemacht. Die Honigernte 1919 ist ganz ausgefallen. Die Natur lieferte keinen oder nur wenig Nektar und Honigtau. Die Bienenvölker mussten deshalb schon im Sommer gefüttert werden. Durch den Krieg war der Futterzucker immer noch rationiert. Für 1920 gab es z.B. nur 3 Pfund Zucker pro Bienenvolk. „Folgt kein gutes Honigjahr, so haben wir den Ruin der Bienenzucht“, klagte Vorstand Ernst Loos bei der Frühjahrsversammlung. Der Jahresbeitrag betrug 5,00 Mark. Darin war eine Haftpflichtversicherung eingeschlossen. Wegen häufiger Faulbrutfälle wurde von der Regierung eine gesetzliche Regelung erwartet. Faulbrut ist eine ansteckende Erkrankung der Bienenbrut mit seuchenhaftem Charakter, die weltweit verbreitet und anzeigepflichtig ist.


Erst 1922 wurde die durch den Krieg eingeführte Zuckerbewirtschaftung aufgehoben. In der Inflationszeit betrug der Jahresbeitrag für die Vereinsmitglieder einhundert Mark. Für 1922 wurde eine Nachzahlung von 30 Mark verlangt. Die kurzfristig eingeführte Rentenmark wurde 1924 durch die Reichsmark ersetzt. Am 22.10.1926 wurde der Bienenzüchterverein beim Amtsgericht Balingen ins Vereinsregister eingetragen. Vereinssitz war Balingen. Als Vorstand war Hans Weinheimer, Kaufmann, Ebingen; als Kassier Christian König, Werkführer, Ebingen und als Schriftführer war Sparkassendirektor Ludwig Jetter, Balingen, eingetragen.


Wegen schlechter Honigernte wurde das 50-jährige Jubiläum verschoben

1926 konnte der Verein auf sein 50-jähriges Bestehen zurückblicken. Doch im Jubiläumsjahr blieben die Honigtöpfe leer. Man hoffte, dass das kommende Jahr besser würde. Da war Gelegenheit, das Jubiläum zusammen mit dem Landwirtschaftlichen Bezirksfest am 24. und 25. September 1927 in Ebingen zu feiern. Verbunden war damit die Ausstellung von Erzeugnissen der Landwirtschaft, des Obstbaus und der Bienenzucht. Es gab eine Festschrift. Darin berichtet Vorstand Hans Weinheimer u.a.: „Die Zahl der Mitglieder aus der Gründerzeit ist nicht bekannt. . . Wie aus den Protokollen der Anfangsjahre ersichtlich ist, wurden damals schon wertvolle Vorträge gehalten. . . Das natürliche Bienenfutter kann nur der Honig sein. In schlechten Jahren wurden Kandis, Brei aus Mehl und Zucker, sogar Milch und Eier gereicht“ (4). Bei der Jubiläumsausstellung zeigten die Imker in der Turnhalle in Ebingen sämtliche Geräte, die zur Bienenzucht gehören: Waben, ganze Bienenvölker, viele aufwändig hergestellte Arbeiten aus Bienenwachs und Schautafeln zur Veranschaulichung der Bienenzucht (5). Beim Festzug durch die Stadt war ein Bienenwagen dabei. Die Imker verteilten an die Zuschauer 500 Honigbrötchen. Oberlehrer Jakob Elsäßer, ein gebürtiger Engstlatter, Erfinder der Schwäbischen Lagerbeute mit Hochwaben, eine andere Form der Bienenwohnung, Schöpfer verschiedener Beuten, Herausgeber des Taschenkalenders für Bienenzucht, Obst- und Gartenbau, überbrachte vom Landesverein die Glückwünsche und eine Ehrenurkunde mit goldener Medaille.


Ebinger Schlossfelsenturm in der Stuttgarter Gewerbehalle ein Anziehungspunkt

1930 konnte der Württ. Landesverein sein 50-jähriges Jubiläum feiern. Mit dem Jubiläumsfest war der Landesverein in Stuttgart Gastgeber für den Deutschen Imkertag und für die 68. Wanderversammlung der Bienenwirte deutscher Zunge. Bei dieser Großveranstaltung unterstützten die Bienenzüchter vom Oberamt Balingen den Landesverein. Louis Leonhardt, Laufen, schon mehrfach hatte er für den Verein seine Kreativität und Ausstellungskunst bewiesen, setzte mit dem „Ebinger Schlossfelsenturm“ einen Glanzpunkt in der Stuttgarter Gewerbehalle. Auf einem wuchtigen Sockel aus Wachs, schlank zur Höhe strebend, mit lauter Honiggläsern ausgefüllt, hatte Leonhardt den Schlossfelsenturm aufgebaut. Rastlos schwebte um diesen das Flugzeug des Ebinger Fliegers Anton Riediger. Das war für die vielen Besucher in der Stuttgarter Gewerbehalle ein starker Anziehungspunkt und wurde von der Jury mit der goldenen Jubiläumsmedaille, einer silbernen Preismünze vom Deutschen Imkerbund und einem Geldpreis von 100 Mark ausgezeichnet.


Das Dritte Reich nimmt Einfluss auf Vereinstätigkeit und Bienenhaltung

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten kam 1933 die Gleichschaltung der Vereine. Es ging um die Vereinheitlichung des gesamten gesellschaftlichen und politischen Lebens. Die Landes-, Kreis und Ortsfachgruppen, soweit sie ins Vereinsregister eingetragen waren, mussten eine Löschung beantragen. Die Zusammensetzung des Vorstandes musste von der Landwirtschaftskammer genehmigt werden. Die Reichsfachgruppe, als eingetragener Verein, hatte für die nachfolgenden Gliederungen die Führungsaufgaben übernommen. Der Verein zählte 198 Mitglieder.


Die Landwirtschaftskammer Stuttgart hatte dem Verein eine „Reichshilfe für Not leidende Imker“ in Höhe von 185 Mark angeboten. Es mussten Verteilungsvorschläge mit Begründung der Bedürftigkeit eingereicht werden. Die Ortsvertrauensmänner meldeten dem Vorstand auf Grund ihrer Ortskenntnis bedürftige Imker. Kinderreiche Familien, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, lange Krankheit und schlechter Geschäftsgang waren Grund genug, dass die „Reichshilfe“ an 12 Mitglieder in 9 Gemeinden des Oberamts verteilt werden konnte.


Bei der Frühjahrsversammlung 1934 im Wachtelsaal in Ebingen wurden die Teilnehmer mit einer Rundfunksendung über die „Imkerei“ überrascht. Es ging um Bienenweide, Blütenbestäubung, Königinnenzucht, Honighandel und Honigpreis, steuerfreien Zucker, Seuchenbekämpfung und Bienensachverständige. Die Sendung wurde begeistert und mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen. Wenn es Honig gab, wie zum Beispiel im Sommer 1934, dann führte das, in den Gemeinden wo reichlich Honig geerntet werden konnte, zu Schleuderpreisen. Das erregte im Verein heftige Kritik und verursachte Ärger unter den Mitgliedern. Einmal war die Ernte im oberen Bezirk besser, das andere Mal im unteren Bezirk.


Vierjahresplan, Auslese bei Königinnenzucht, Wanderung in Trachtgebiete

1936 hatte Hitler einen Vierjahresplan aufgestellt, der sich auch auf die Imkerei auswirkte: „Jeder Imker soll ein Bienenvolk mehr halten“. In der hiesigen Tageszeitung „Der Wille“, nat.-soz. Kreisamtsblatt, wurden die Imker mit wenigen Bienenvölkern aufgefordert, ihre Imkerei „von drei auf zehn Bienenvölker aufzustocken“ (6). Unwirtschaftliche Betriebe sollten so gestaltet werden, dass sie wirklich Nutzen bringen. Der Einfluss der Reichsregierung auf die Bienenhaltung wurde immer stärker. Die Referenten der Reichsfachgruppe empfahlen nur starke Völker einzuwintern und bei der Königinnenzucht Auslese zu treffen. Die Wanderung in Trachtgebiete wurde propagiert. Damit sollte der Bedarf an Honig und Wachs für das Vaterland sichergestellt werden. Vom Frühjahr bis zum Herbst 1936 hatten die Kreisimker durch diese Aktion die Zahl der Bienenvölker um 480 auf 3.065 gesteigert. „Wenn 1937 das Wetter mithilft, dann kann die Forderung des Vierjahresplanes erfüllt werden“, freute sich der Vorstand.


Louis Leonhardt berichtete, dass er mehrere Jahre mit 40 Bienenvölkern nach Unterglashütte in die Esparsettentracht gewandert sei. Neben Fehl- und Mittelernten habe er einmal „in sechs Tagen 12 Zentner goldgelben Esparsettenhonig“ geerntet. Neid und Missgunst habe er dabei von den ortsansässigen Imkern erfahren müssen. Die Reichsfachgruppe propagierte 1938, dass die Wanderung mit Bienenvölkern in Trachtgebiete einen bemerkenswerten Aufschwung gebracht habe. Sie sei jetzt mit einer Wanderordnung nach einheitlichen Richtlinien geregelt.


Der Beutenvielfalt wird mit Einheitsbeuten begegnet

Weil die Bienenwohnungen in vielen Größen und Maßen mit unterschiedlichen Betriebsweisen auf dem Markt waren, wurden Einheitsbeuten eingeführt. Die Imker wurden aufgefordert, nur noch die Einheitsbeuten zu verwenden.


Bei der Herbstversammlung 1937 wurde von Faulbrut und in einem größeren Teil des Kreises vom Befall der Bienenvölker mit der Nosema-Seuche, einer Darmseuche, berichtet. In manchen Gegenden hatte die Nosema-Seuche unter den Bienenvölkern gewaltig aufgeräumt. Viele Stände waren völlig entvölkert. Auch die Honigernte war schwach ausgefallen.


Der Ertrag aus der Imkerei ist wetterabhängig

An der Imkertagung am 29. Mai 1938 im Hotel Roller in Balingen beteiligten sich neben Balingen auch die Ortsfachgruppen Schömberg, Hechingen und Steinlachtal. Der Vorsitzende, Oberlehrer Rentschler, von der Landesfachgruppe kam bei seinem Vortrag zu folgendem Ergebnis: „Da in unserer Gegend die Bienenzucht als Haupterwerb nicht in Frage kommt und ein Ertrag aus der Bienenzucht vor allen Dingen von der Witterung abhängig ist, ist es unbedingt wichtig, zur richtigen Zeit die Völker auf der Höhe zu haben, denn starke Völker nach der Tracht haben keinen Wert mehr. Königinnenzucht ist notwendig. Verbesserung der Bienenweide ebenso. Überaus wichtig ist das Wandern mit Bienenvölkern. Dadurch können mehrere Trachten ausgenutzt werden. Die Forderung des Vierjahresplanes, den Bedarf an Honig und Wachs durch Selbsterzeugung sicherzustellen, gebe dem Bienenzüchter im Wirtschaftsleben eine ganz andere Stellung als früher. Die Bienenzucht ist nicht Liebhaberei, wie früher allgemein angenommen wurde, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Die vermehrte Anpflanzung von Obstbäumen ist ein dringendes Gebot. Durch die Anpflanzung von Ahorn, Linde und Ulmen an den Waldrändern wird die Bienenweide stark verbessert“, so Vorsitzender Rentschler von der Landesfachgruppe.


Grösseres Vereinsgebiet durch Kreisreform

Durch die Württembergische Kreisreform entstand 1938 aus dem ehemaligen Oberamt Balingen der neue Kreis Balingen mit 47 Gemeinden und einem Flächenraum von 442 km². Dem neuen Kreis wurden die Gemeinden Ratshausen und Weilen u. d. R. aus dem Nachbaroberamt Spaichingen; Bickelsberg, Binsdorf, Brittheim, Isingen, Leidringen und Rosenfeld vom OA. Sulz; Dautmergen, Dormettingen, Dotternhausen, Hausen a.T., Roßwangen, Schömberg, Täbingen und Zimmern u.d.B. aus dem Oberamt Rottweil angegliedert. Das Kreisgebiet wurde um über 1/3 größer. Auch für den Bienenzüchterverein vergrößerte sich das Vereinsgebiet. Es stieg die Zahl der Mitglieder.


Um Missstände auszuräumen wurde eine Standbegehung angeordnet

Von der Reichsfachgruppe wurde 1939 im Rahmen des Vierjahresplanes eine Standbegehung angeordnet. Die Imker sollten damit nicht unter Aufsicht gestellt werden. Sie sollten dabei Rat und Tat erhalten. Missstände sollten weggeräumt werden. Alle Vorteile, die auf einem anderen Stand gefunden werden, sollten der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Dabei war auf den Gesundheitszustand der Völker und die Beschaffenheit der Bienenwohnungen zu achten. Bis im April 1941 wurden so im neuen Kreis Balingen 420 Bienenstände besichtigt.


Für die Frühjahrsfütterung 1940 erhielten die Imker pro Volk 3 Pfund Zucker. Der Zucker war eingefärbt, vergällt, und durfte nur als Bienenfutter verwendet werden. Zur Verbesserung der Bienenweide erhielt jeder Imker kostenlos eine Weide als Pflanzgut. Im August kam die Forderung, dass 3 kg Honig pro Volk abzuliefern sind. Das konnte nicht erfüllt werden. 1941 wurde der Bahnverkehr immer mehr eingeschränkt. Die Lebensmittel wurden knapper. Für die Mitglieder war es schwieriger an den Versammlungen teilzunehmen. Deshalb wurden die Versammlungen geteilt, eine in Balingen und eine in Ebingen. Durch die Nosemaseuche sind im Kreis Balingen 500 Bienenvölker verloren gegangen. Für Lazarette, Krankenhäuser, werdende Mütter und Minderbemittelte haben die Mitglieder des Kreises 1.180 kg Honig abgeliefert. Das vorgeschriebene Quantum von 2 kg Honig pro Volk konnte trotzdem nicht erfüllt werden.


Imker klagen gegen Obstbauern

Dass Imker auch den Obstbauern gegenüber nicht immer grün waren, zeigt eine Schadenersatzforderung von drei Imkern gegen die Gemeinde Schömberg. Geklagt wurde wegen dem Verlust von 210 Bienenvölkern im April 1940 in Schömberg, Weilen u.d.R., Ratshausen und Hausen a.T. Die Imker hatten vorgebracht, dass die Bienenvölker durch unsachgemäßes Spritzen der Obstbäume mit Karbolineum vernichtet wurden. Der Streit dauerte bis 1944, als das Landgericht Rottweil die Klage abwies und die Kläger die Kosten des Rechtsstreits bezahlen mussten. Nach den vorliegenden Gutachten war der Schaden durch die Nosemaseuche entstanden (7).


Der Krieg erfasst alles und alle – die Imker erhalten 60 g Tabak pro Bienenvolk

Bei der Frühjahrsversammlung 1942 hatte der Verein 385 Mitglieder. Davon waren 81 Mitglieder zum Heeresdienst eingezogen. Diese erhielten Beitragsbefreiung. Nach vielen Fehljahren brachte 1942 eine gute Honigernte. Die Kreisfachgruppe konnte 114 Zentner Honig abliefern. „Wenn das vorgeschriebene Soll nicht abgeliefert wird, gibt es keinen Zucker zur Einfütterung“ so die Nachricht von der Reichsfachgruppe.

1943 erhielten die Imker erstmalig 60 g Tabak pro Volk für Rauch als Beruhigungsmittel bei der Arbeit an den Bienenvölkern. „Unter dem Gesichtspunkt: der Krieg erfasst alles und alle, kann nur noch alles betrachtet werden“, so der Vorsitzende der Landesfachgruppe, Oberlehrer Rentschler aus Stuttgart, bei seinem Vortrag am 18. April 1943 über die Imkerei in der Kriegszeit. „Die Nosema-Krankheit muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Die Gewinnung von Honig und Wachs ist der kleinere Nutzen. Die Bestäubung und Befruchtung der Blüten- und Obstbäume sowie der Beerensträucher durch die Bienen hat zehnfachen Wert“, sagte der Landesvorsitzende.


Wegen Fliegeralarm muss der Schriftführer die Versammlung verlassen

Nach über 4 ½ Jahren Krieg war die Frühjahrsversammlung am 23. April 1944 im Wachtelsaal in Ebingen nur mässig besucht. Rund 120 Mitglieder waren bei den Soldaten im Krieg. Züge fuhren nur noch wenige. Der Auto- und Omnibusverkehr lag beinahe ganz lahm. Die immer mehr zunehmenden Fliegeralarme erschwerten den Besuch der Versammlungen. Das Ablieferungssoll zur Erfüllung des Vierjahresplanes konnte wiederum nicht erfüllt werden. Wegen Fliegeralarm musste der Schriftführer als „Werkluftschutzleiter“ die Versammlung verlassen. In den letzten Monaten des Krieges scheint die Vereinstätigkeit ganz geruht zu haben.


Fortsetzung folgt!